Sonntag, 2. September 2012

Hingabe und Gottformen


Hingabe an eine Gottheit war nie ein großer bewusster Teil meiner spirituellen Praxis. Ich sage bewusst, weil ich ich in letzter Zeit feststelle, dass mein Arbeiten mit Gottformen durchaus immer einen Aspekt der Hingabe beinhaltete, auch wenn ich ihn vielleicht nicht sehen wollte, da ich nicht an Gottheiten als individuelle Wesenheiten glaube.

Der Glaube an individuelle Gottheiten, ob nun eine oder mehrere, erschien mir immer sehr dumm, geradezu verrückt. Mein Gottesbild ist eher monistisch und pantheistisch. Für mich ist das Universum in seiner Gesamtheit Gott. Ein allumfassendes Bewusstsein das sich selbst noch in Entwicklung befindet - durch uns und in uns lernend. Es zu verehren wäre absurd, denn es ist untrennbar mit mir verwoben, und warum soll ich einen Aspekt von mir selbst auf ein Podest stellen?

Die individuellen Gottgestalten, derer ich mich durchaus in meiner Praxis bediene, sind für mich also keine individuellen, übernatürlich Wesen, sondern zum Teil anthropomorphe Symbole für die Kräfte des persönlichen oder kollektiven Unbewussten. Als solche helfen sie mir, Bewusstseinsanteile zu mobilisieren, auf die mein denkender Verstand sonst keinen oder nur wenig Zugriff hat.

Als ich meinen Mann kennenlernte, der sich schon damals für östliche Wege interessierte, während mich eher der westliche Weg ansprach, war eine der ersten Aussagen zum Thema Spiritualität, die seitdem stark in meinen Gedächtnis haften geblieben ist, dass es im Osten Traditionen gibt, in denen für jedes Körperteil eine eigene Gottheit zuständig ist.

Ich habe das nie nachgeprüft und weiß auch nicht, um welche Traditionen es sich handelt (yogische, würde ich vermuten). Der Gedanke erschien mir aber faszinierend und logisch. Der Gott des Körperteils ist demnach nichts anderes als das Körpergedächtnis des jeweiligen Organs, wahrscheinlich korrespondierend mit anderen Aspekten der inneren und äußeren Welt. So zumindest habe ich mir diese Sache erklärt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Gottheiten in früheren Zeiten als genau das genutzt worden sind, auch im Westen, und zumindest in den entsprechenden Mysterienschulen - als Metaphern und magische Meditationshilfen.

Irgendwo auf dem Weg scheint den meisten Kulturen dieses Wissen jedoch abhanden gekommen zu sein und eine Art Gefolgschaftsreligiosität entstand. Gehorche Shiva/Zeus/Jesus und alles wird gut. Na klar. Und so verbrennt der Mensch seinen Weihrauch, spricht seine Gebete und opfert entgegen allem gesunden Menschenverstand sein letztes Schwein, in der Hoffnung, dass er sich damit als guter Christ/Hindu/Heide erweist. Hoffentlich, vielleicht, möglicherweise bringt es ja was.

Aber das ist nicht das, was ich inzwischen unter Hingabe verstehe (und hiermit bin ich wieder bei meinen neuesten Erkenntnissen angelangt).
Hingabe ist eine bewusste Technik der Ich-Aufgabe, angewandt im vollen Wissen dass das Objekt der Hingabe ein Mittel zum Zweck ist - nämlich die Teile des eigenen Selbst anzusprechen, die dem bewussten Ich verborgen bleiben, aber durch den kreativen Umgang mit der Gottesform Gestalt annehmen.
Natürlich funktioniert zumindest in manchen Traditionen auch die unbewusste Form der Hingabe, wenn sie als Stadium verstanden wird, und damit irgendwann einen größerem Verständnis der Wirklichkeit weicht. Aber das sehe ich selten. Viel häufiger verharren Menschen in ihrem Aberglauben und erbeben ihn zum Dogma. Ja, auch in der naturspirituellen Szene.

In den letzten Monaten hatte ich jegliche Arbeit mit Gottgestalten abgelegt, weil mir Vieles an der Arbeit mit ihnen nicht klar war, aber  inzwischen spüre ich, dass etwas fehlt. Die konkrete Hingabe an einen Aspekt des Göttlichen.
Ich werde sie wohl wieder aufnehmen, denn ich habe keinen adäquaten Ersatz dafür gefunden.

Muss ich dafür an die individuelle Existenz von Gottheiten glauben? Nein, ganz im Gegenteil. Das Wissen, dass die Welt - die innere wie äußere - komplexer ist, aber mein Bewusstsein durch die Verwendung von Gottformen Zugang zu größeren Zusammenhängen bekommt, ist weitaus faszinierender für mich, als es die wortwörtliche Existenz von Göttern je sein könnte. Soll das kreative Selbst doch mit seinen Püppchen spielen, wenn dafür für mich solch wertvolle Erkenntnisse abfallen.

In diesem Sinne einen schönen Septemberanfang euch Allen!

/|\
Chris

Kommentare:

  1. Was ist mit dem Göttlichen in dir selbst?
    Vielleicht ist die Arbeit mit diesem ja ein Weg, eine Möglichkeit der momentanen Situation entsprechend, für dich. Denn warum im Außen danach suchen, wenn du es doch in dir trägst ....
    Ganz liebe Grüße
    Franzi

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  2. Hi Franzi,
    in dem Text habe ich ja schon erwähnt, dass ich das Göttliche in erster Linie in mir selbst wahrnehme. Hier ging's mir allerdings um das Arbeiten mit konkreten Gottformen, also traditionellen Göttern, und warum ich nicht vollkommen darauf verzichte, obwohl ich kein Polytheist bin. Es geht nicht ums Suchen im Außen, sondern darum, passende Gottform zu nutzen, um mit bestimmten Aspekten des kollektiven Unbewussten zu arbeiten.
    Allerbeste Grüße zurück
    Chris

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  3. Hi Chris!
    Ich kenne diese Gedanken nur zu gut. Mittlerweile halte ich es allerdings so, dass ich mir gar nicht mehr allzu grosse Gedanken über "das Göttliche" mache. Ich nehme es ganz einfach wie es sich mir gerade zeigt. Sei dies durch eine oder mehrere personifizierte Gottheiten, oder eben ganz einfach als eine universelle Energie, ist dabei nebensächlich. Das eine schliesst das andere für mich nicht automatisch aus. ;)

    Auf jeden Fall regt dein Artikel zum Nachdenken an.

    Danke dafür!

    Liebe Grüsse
    Joanna

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