Freitag, 4. Mai 2012

Des Waldes Zuflucht

Mit einem Schauspieler nachgestellte Spielszene
Wenn es mich in den Wald um die Ecke zieht wird in den meisten Fällen eine kleine Pilgerreise daraus. Eine Arbeit, die zum größten Teil am Zeichentisch und mittlerweile auch am Rechner stattfindet kann unterschwellig ganz schön schlauchen, ein Umstand, der mir oft erst in seinem vollen Ausmaß bewusst wird, wenn ich mich auf die langsamere Geschwindigkeit des Waldes einlasse. Aus diesem Blickwinkel kommt mir mein Alltag vor wie ein Tom & Jerry Cartoon, und das obwohl ich wahrscheinlich den mitunter ruhigsten Job habe, den man sich in dieser Gesellschaft vorstellen kann.
Und so öffne ich mich, wann immer ich mir die Zeit nehme meine Plätze im Wald zu besuchen, ganz bewusst für den anderen Zeit- und Lebensstrom und die feinstofflichen Energien, die mir heute ganz besonders stark vorkommen. Vielleicht weil ich in den letzten Tagen einfach zu viel Zeit in Betonlandschaften verbracht habe. Ich vergesse noch immer leicht, dass der Aufenthalt im Grünen im wahrsten Sinn des Wortes meine Batterien neu auflädt.
Ich berühre Blätter, lege meine Hand an eine alte Buche und fühle augenblicklich das Leben unter der Rinde. Verwunderlich, dass Menschen das im Allgemeinen nicht mehr wahrnehmen. Und erfreulich, dass meine Feinfühligkeit inzwischen so ausgeprägt ist, dass ich es mühelos spüre, ohne dass sich wie früher der zweifelnde Teil meines Verstandes einmischt.
Dieselbe Feinfühligkeit ist es, die mich veranlasst die ausgetretenen Wege zu verlassen und seitlich in den Wald einzutauchen. Dieser Teil wird fast ausschließlich von jungen Buchen beherrscht. Es zieht mich merklich zu einer Stelle hinter einem Erdwall, der das gesamte Waldstück durchzieht. Als ich auf dem Wall stehe sehe ich was mich anscheinend gelockt hat. Direkt vor mir hat jemand sorgsam einen Unterstand aus dicken Ästen gebaut, ein weiterer kleinerer mit einer Plastikplane überzogener steht direkt daneben. Kinder? Wohl kaum. Zu durchdacht wirkt die ganze Konstruktion. Mir wird etwas mulmig und die in meiner Kindheit eingezimmerten Warnungen meiner Mutter vor bösen Männern an seltsamen Orten kommen mir in den Sinn. Wahrscheinlich ist die Wahrheit einfacher und weniger sensationell: Ein Obdachloser aus der Stadt wird sich hier einen Schlafplatz eingerichtet haben. Erstaunlich. Wie mag sich so ein Leben anfühlen, am Rande der Gesellschaft, so nah an einem im Wald hausenden Eremiten wie man heute nur sein kann?
Da ich niemanden stören will - aber noch vielmehr weil ich das Gefühl habe dort sowieso niemanden vorzufinden - kehre ich um und gehe zu meinem Kraftort, einer Stelle im Wald an der sich kleine Wasserrinnsale einen Weg unter den Wurzeln einiger großer Buchen ins Tal gegraben haben, wo sie den Bach speisen. Dort gibt es einen natürlichen Hochsitz zwischen den Wurzeln, genau zwischen zwei kleinen Quellen, wo ich für gewöhnlich sitze und bei einer Räucherung meditiere, während ich meine Kraftsteine vom fließenden Wasser reinigen lasse.
Der Ort ist nicht ganz unbeliebt bei den örtlichen Jugendlichen, zumindest finde ich immer wieder leere Flaschen. Und diesmal sogar eine Motorhaube in einem der Bäche, mit der spielende Kinder offensichtlich versucht haben, Wasser aufzustauen - natürlich vergeblich. Ich widerstehe dem Drang, das Teil sofort zu beseitigen und beziehe es stattdessen in meine Meditation mit ein. Gibt es hier eine Botschaft für mich?
Ich zünde meinen Beifuß in der Muschel an und lasse den Rauch zum sonnigen Himmel steigen. Bei nichts anderem fühle ich mich so verbunden mit der Welt. Kein großes Ritual, einfach nur bewusstes, aufmerksames Räuchern.
Erst nach der Meditation fällt meine Aufmerksamkeit wieder auf das sperrige Metallteil vor mir. Ich fische meine Steine aus dem Wasser und gehe hinüber, um es aus dem Bachlauf zu hieven. Darunter finde ich zu meiner Überraschung einen zurammengerollten, leuchtend gelb-schwarzen Feuersalamander, der offenbar dort Zuflucht gefunden hat. Nur mühsam scheint er aus dem Dämmerschlaf zu erwachen, seines Unterschlupfes beraub und zu viel Licht ausgesetzt. Schliesslich rappelt er sich auf und zieht benommen weiter, lässt sich in eine mit Wasser gefüllte Ausbuchtung des Wasserlaufs gleiten, wo nur noch sein Kopf aus dem Wasser guckt.
Schon eigenartig. Während Menschen der Stadt entfliehen und Zuflucht unter dem Blätterdach suchen, finden Tiere sie unter dem Schrott unserer Wegwerfkultur. Die Natur ist halt praktisch.

Epilog: Als ich nach Hause komme und meinem Mann von dem Salamander berichte, nennt er ihn Meistersalamander und lacht. Klar, denke ich nach ein paar Sekunden angestrengten Nachgrübelns. Schwarz-gelb. Borussia. Meistersalamander. Ist doch ganz klar, oder?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen